15. Juli 2007 | Von

Ronald Meier: Auswirkungen von “Tagging” zur Wissensorganisation

Prof. Ronald Meier ist Universitätsprofessor, Autor mehrerer Bücher und EU-Experte auf dem Gebiet Information Systems Leadership. In dem Interview geht er insbesondere auf die Auswirkungen von “Tagging” zur Wissens-Organisation ein.

Wie erklären Sie sich den Erfolg von Tagging als Methode der Wissensorganisation?

Aus meiner Sicht ist der Erfolg des Taggings besonders durch die niedrige Einstiegsschwelle und die sehr einfach Handhabung zu erklären. Durch die allgemein verbreitete Browserintegration und die sehr einfache Zuweisung von Tags mit Hilfe weniger Clicks ist der Aufwand für den Nutzer als recht gering einzuschätzen. Außerdem hilft, dass die Tagger die beliebtesten Tags angezeigt bekommen und einfach anklicken können. Gerade das Taggen von Bildern und Videos, die bei der dominierenden Verwendung textbasierter Suchverfahren nicht oder schlecht gefunden werden, hat den Nutzern den Mehrwert schnell und anschaulich vorgeführt. Das Angebot spezifischer Visualisierungen wie z.B. TagClouds hat das Tagging attraktiv und modern erscheinen lassen.

Klassisch ausgebildete Informationsberufler wie Bibliothekare oder Dokumentare stehen dem Phänomen Tagging sehr reserviert gegenüber. Qualitätssicherung ist hier das schlagende Argument. Ist diese Skepsis begründet? Wird kollaboratives Tagging den klassischen Wissenssicherungsansatz von unten herauf revolutionieren?

Das collaborative tagging hat auf der einen Seite den großen Vorteil, dass viele Tagger heterogene Ideen einbringen und damit die Vielfalt sehr groß ist. Dies ist besonders für neue Thematiken oder sehr spezialisierte Themenbereiche interessant, da somit versucht werden kann Fachexperten direkt an der Beschreibung zu beteiligen. Diese Sicht eines Fachexperten auf ein Themengebiet können Bibliothekare oder Dokumentare nicht leisten. Der Nachteil ist auf der anderen Seite natürlich, dass dabei auch eine gewisse, teilweise sehr große Menge an unbrauchbaren oder falschen Tags zugewiesen wird. Genau in diesem Problembereich sind unsere aktuellen Studien zum collaborative Tagging auch angesiedelt. Wir versuchen Indikatoren zu finden, mit denen es möglich ist, aus einer gewissen Menge von Tags die für eine Organisation relevanten herauszufiltern. Wir wollen also Methoden zur Reinigung und Indikatoren zur Qualitätssicherung von Tagmengen finden, um collaborative tagging auch in einem professionellen Umfeld besser anwendbar zu machen.
Wie wir auch in einem wissenschaftlichen Beitrag hier auf der I-Know zeigen, kann dies durchaus realisiert werden und von daher kann diese Skepsis aus unserer Sicht abgemildert werden. Sollte Tagging in Organisationen flächendeckend eingesetzt werden, dann kann es sicher die Wissenssicherung unterstützen.
Kritisch anzumerken ist, dass der Einsatz gut geplant und koordiniert werden muss, um die erforderliche kritische Masse an aktiven und ernsthaften Nutzern zu erreichen. Weiterhin kann die Qualität der Tags durch die systematische Qualitätssicherung auf Basis einer Ontologie substantiell verbessert werden, was wiederum eine typische Aufgabe für einen Informationsberuf darstellt.

Welche Voraussetzungen müssen in einer Organisation bestehen oder geschaffen werden, damit Tagging sinnvoll eingesetzt werden kann? Was ist das richtige Verhältnis von top-down und bottom-up Strategien?

Prinzipiell sollte ein Taggingwerkzeug in die IT-Landschaft des Unternehmens integriert werden, damit die Partizipationshürde möglichst gering ist. Eine sehr wichtige Voraussetzung ist aus unserer Sicht, dass eine gewisse kritische Menge von Mitarbeitern am Tagging teilnimmt und auch teilnehmen kann. Dabei kommt es auf die Partizipationsintensität an. Wenn Mitarbeiter aktiv teilnehmen, dann sind auch Potenziale in kleineren Unternehmen denkbar, insbesondere, wenn diese sich in Netzwerken oder Clustern zusammenschließen.
Tagging ist grundsätzlich ein dezentraler Einsatz, der im professionellen Anwendungsfeld um z.B. Themenexperten, Community-Moderatoren, Prozessverantwortliche oder Projektleiter ergänzt werden kann, die eine Qualitätssicherung vornehmen und auch die Ergebnisse des vorangegangenen Taggingprozesses beurteilen und entsprechende formale Prozesse einleiten können. Auf diese Weise könnten dann beispielsweise Ideen bzw. Anregungen der Mitarbeiter z.B. in den formalen Innovations-, Produktentwicklungs- oder Prozessverbesserungsprozess einfließen.

Welche Einsatzbereiche für Tagging eigenen sich innerhalb von Unternehmen?

Das Tagging eignet sich primär zur Beschreibung von bereits existierenden Ressourcen, die dann besser auffindbar sind. Auf diese Art und Weise können aber auch neue Beziehungen von Themenbereichen entdeckt werden, die zu Innovationen führen können. Als weiteren Punkt kann Tagging die Projekt- und Prozess-Dokumentation unterstützen.

Tagging selbst ist noch nicht der Weisheit letzten Schluss. Der Mehrwert liegt erst in ihrer strukturierten Aufbereitung. Hierzu eignen sich Ansätze des Semantic Web. Wie sehen Sie die Zukunft des Taggings?

Da haben Sie aus meiner Sicht genau den kritischen Punkt angesprochen. Durch die semantische Verknüpfung der mit Hilfe des Taggings gewonnenen Beschreibungen, die ebenfalls mit Hilfe des Taggings realisiert werden kann, würde natürlich ein noch größerer Mehrwert entstehen. Aus meiner Sicht wird das strukturierte Tagging in nächster Zeit in immer mehr Bereichen Einzug halten und dann natürlich sukzessive an semantischer Mächtigkeit zunehmen. Wichtig erscheint mir hierbei zum einen die Einbettung des Ansatzes in eine unternehmensweite Wissensinfrastruktur, d.h. die nahtlose Integration mit anderen Werkzeugen zum Umgang mit Wissen, sowie zum anderen die gezielte Unterstützung der Entwicklung oder „Reifung“ von Wissen in Unternehmen und Organisationen, deren Beobachtung z.B. anhand der vergebenen Tags verbessert werden kann. Dieser Fragestellung gehen wir im EU-Projekt MATURE (www.mature-ip.eu) nach.

Das Interview führten Mag. Tassilo Pellegrini, Head of Division Media, Education & Events bei SWC und Marion Fugléwicz-Bren.

Über Prof. Ronald Maier

Ronald Maier, 1968 in Linz/Oberösterreich geboren, studierte Wirtschaftsinformatik an der Johannes-Kepler-Universität Linz, Schwerpunkte Betriebsinformatik, Organisation, Marketing und Operations Research. Er habilitierte sich 2001 an der Universität Regensburg mit dem Thema „Knowledge Management Systems. Information and Communication Technologies for Knowledge Management“. Von 2002 bis 2007 leitete er den Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Betriebliches Informationsmanagement, an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Seit Februar 2007 leitet er als Universitätsprofessor den Bereich Wirtschaftsinformatik an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
Ronald Maier ist als Gutachter und Herausgeber wissenschaftlicher Fachzeitschriften, regelmäßig stattfindender internationaler Fachkonferenzen sowie als Experte für die Europäische Union tätig. Er ist Autor mehrerer Bücher und zahlreicher Artikel in Fachzeitschriften sowie von Beiträgen in Büchern und Konferenz-Proceedings. Seine Forschungsinteressen können mit dem Generalthema Information Systems Leadership umschrieben werden und konzentrieren sich auf Datenmanagement und Business Intelligence, flexible und adaptive Informationssysteme, Geschäftsprozessmanagement, Wissensmanagement und Wissensmanagementsysteme.

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