23. Juni 2015 | Von

“Ich kann mir kaum etwas Besseres vorstellen”

christian_MuellerChristian Müller ist ein Smartphone-Pionier der ersten Stunde und verzeichnet mit seiner App “My Days” schon über 12 Mio. Downloads.
Er ist verheiratet mit einer Ägypterin, hat eine kleine Tochter und reist viel mit seiner Familie.
Im Interview verrät er einige Tips wie man ganz einfach in die Selbständigkeit starten kann.

Das vollständige Video finden Sie hier

Roland Kissling: Du bist ein sehr erfolgreicher Unternehmer im Internet und betreibst einige mobile Applikationen. Wie bist Du dazu gekommen, als Unternehmer selbständig tätig zu werden?

Christian Müller: Ich habe ungefähr mit 16 zu programmieren begonnen. Das lief einige Jahre ganz gut. Manchmal war ich selbständig, manchmal angestellt. Als Angestellter war es ein wenig schwierig, weil ich meine Kreativität nicht ganz so ausleben konnte. Ich wollte aber immer selbständig etwas machen. Ich war dann für 10 Jahre in Ägypten und habe dort viel experimentiert, vor allem mit Webseiten. Im Grunde habe ich aber immer darauf gewartet, dass die mobile Geschichte herauskommt. Als das passierte, habe ich mir sofort ein Android Gerät besorgt und eine erste Applikation erstellt. Dann war ich doch sehr überrascht, dass ich am nächsten Tag sofort 2.000 Downloads hatte. Mit meinen Homepages ging das bei weitem nicht so schnell.

In welchem Jahr war das?

2008, als das iPhone rauskam. Ich überlegte zunächst, welche App ich machen soll. Dann kam die Idee etwas für Frauen zu machen. Bei meiner Recherche traf ich auf eine Nokia-App für Frauen, wo man Eisprung und Periode beobachten kann. Da dachte ich mir: das ist eine gute Idee, das kann ich noch besser. Also habe ich das Programm erstellt und war damit der Erste am Android Markt. Sie kam dann auch sehr gut an, und ich habe sie bis heute weiter gepflegt, erweitert, später dann auch für das iPhone entwickelt.

Wie heißt die App genau und wie viele Downloads hat sie?

Sie heißt “MyDays” und hat derzeit rund 12 Mio. Downloads. Davon sind aber nicht mehr alle aktiv – aktive sind es ca. 3-4 Mio.

Du hast auch andere Applikationen entwickelt. Hast Du mehrere gemacht und dich dann auf die Erfolgreichste konzentriert oder wie bist Du vorgegangen?

Ich richte mich nicht nach einem Plan. Ich habe eine Idee. Dann schaue ich ob das für andere interessant sein könnte, und ob ich es auch alleine machen kann. Ich mache alles in Eigenregie, von Grafik bis zur Programmierung. Ich habe auch einmal etwas für Kinder gemacht, das war aber nicht so erfolgreich. Der Chat den du ansprichst entstand aus der Idee heraus, ob die Nutzer der App nicht auch miteinander kommunizieren und sich austauschen wollen. Das hat sich dann auch sehr interessant entwickelt. Ich habe dann später geschaut wo die meisten User herkamen. Das war damals New York, und so machte ich einen eigenen Chat für New York. Dann kam Boston dazu, und andere Städte, und schließlich legte ich alle Chats und Themen in einer eigenen App zusammen. Das war sehr viel Arbeit, weil man die Kommentare genau überprüfen muss. Ich habe mittlerweile Moderatoren und lasse das so nebenbei herlaufen. Mein wesentliches Projekt aber ist “My Days”, da habe ich auch hervorragendes Feedback von den Usern.

Wie verdienst Du Geld?

90 Prozent meiner Einkünfte sind Werbung. Ich habe in der App Bannerwerbung und Fullscreen Werbung eingebaut, wobei die Unterbrechungen nur jeden dritten Tag kommen um die User nicht zu sehr zu nerven. Das kommt sehr gut an. Ich habe später eine Pro Version herausgebracht, zunächst mit extra Features und werbefrei. Heute haben beide Versionen wieder die gleichen Features. Die Pro Version unterscheidet sich jetzt nur mehr darin, dass sie werbefrei ist. Sie wird auch genutzt, aber in viel geringerem Ausmaß. Die normale Version wird im Schnitt tausende Mal am Tag heruntergeladen, die Pro Version vielleicht 5-6 Mal am Tag.

Hast Du schon mit externen Mitarbeitern zusammen gearbeitet?

Ich habe immer wieder mal für Kleinigkeiten Grafiker oder Programmierer in Anspruch genommen, aber nie für größere Dinge. Mein Ziel ist allerdings, in beiden Bereichen mehr Unterstützung zu haben, so dass ich die Handarbeit sein lassen und mich mehr auf Ideen spezialisieren kann. Da suche ich immer wieder mal talentierte Leute, die auch enthusiastisch an die Sache herangehen. Ich habe früher selbst viel für andere gemacht, was mir nur ein Butterbrot und ein Ei eingebracht hat – allerdings sehr viel an Erfahrung. Ich brauche keine Studenten mit Mega Abschluss die alles wissen. Ich liebe es mehr mit kreativen Freaks zusammen zu arbeiten … Leuten, die vielleicht lange nichts machen, aber dann in wenigen Tagen großartige Dinge auf die Beine stellen.

Gibt es eigentlich einen Mitbewerb für Dich?

Mittlerweile eine Menge. Am Anfang war das anders. Auf Android war ich der erste, der mit dem Kalender gearbeitet hat und den Touchscreen wirklich ausgenutzt hat. Später kamen sehr viele Klone, die zum Teil sogar meine Texte kopiert haben, so dass ich Beschwerde bei Google einreichen musste. Mittlerweile gibt es auch eine andere App in meinem Bereich, die sehr professionell ist. Man merkt dass dort mehrere Leute dahinter stehen. Konkurrenz ist für mich auch Motivation mehr zu machen. Die Zielgruppe ist groß und gut.

Was hast Du für Erfahrungen mit mobile Advertisement gemacht? Wie bist Du mit Klickraten und Preisen zufrieden?

Eigentlich nicht so schlecht. Der CPC hat sich etwas verringert, aber das kompensiert sich bei mir durch die vielen User. Ich war eigentlich überrascht wie stabil die Einkünfte durch die Werbung sind. Wenn ich es über Wochen oder Monate anschaue geht die Kurve manchmal leicht rauf oder runter, ist aber allgemein stabiler als bei den Einkünften für die gekauften Applikationen.

Das mobile Internet bleibt spannend für Dich.

Es bietet viel. Man kann sehr viel Kreativität hineinbringen. Es gibt natürlich schon ein großes Angebot mittlerweile. Aber ich denke jeder der ein wenig Risiko eingeht und sich nicht zu viele Gedanken macht, kann immer noch Erfolg haben. Jeder sollte mit seiner Idee einfach mal loslegen. Man darf nicht vergessen: Das Grundgerüst einer Applikation ist in 3-4 Tagen gemacht. Dann kommen die Feinheiten dazu, mehr Features, Grafik. Aber das Konzept ist schnell gemacht und das kann man sofort in den Markt geben und dann sehen was passiert, und verbessern.

Wie wichtig ist das Feedback der Community für Dich?

Man muss auf die Leute hören und schauen was sie wollen. Viele Vorschläge sind dann auch für andere User nützlich und erhöhen den Wert der App. Man muss mit den Nutzern zusammenarbeiten, und hat dann so ein großes Team, selbst wenn man alleine entwickelt. Ich habe eigentlich immer so gearbeitet.

Deine Situation ist auch privat interessant. Du bist mit einer Ägypterin verheiratet, ihr habt ein kleines Baby zusammen und wohnt in München und Alexandria. Wie schaut dein Tagesablauf aus?

Aufstehen und ums Baby kümmern während meine Frau einen Sprachkurs macht. Dann mache ich Emails, Haushalt, habe derzeit eher weniger Zeit für Arbeit. Da geht mir die Familie vor, weil das auch die viel schönere Zeit ist. Zwischendurch ist dann aber immer wieder mal Gelegenheit für Updates oder Verbesserungen. Derzeit ist viel in Planung. Ich schreibe mir laufend neue Ideen auf und gehe die dann von Zeit zu Zeit durch.

Also eine sehr lockere Arbeitsweise.

Ich versuche es mehr aus einer kreativen Perspektive anzugehen, ich warte auf den richtigen Zeitpunkt. Ich habe einfach festgestellt: wenn ich mich zu etwas zwinge funktioniert das nicht. Ich lasse mich inspirieren, von der Familie, vom Kind. Und irgendwann kommt der Moment, und dann schaffe ich in einer Stunde mehr als ich vorher in 2 Wochen geschafft hätte.

Dein Lifestyle erinnert an die 4 Stunden Arbeitswoche von Timothy Ferriss.

Es gibt ja diverse Literatur zum Thema “Arbeite eine Stunde am Tag und mache damit das große Geld”. Das ist tatsächlich eine Möglichkeit, vielleicht nicht genau so wie man es sich vorstellt, aber es funktioniert tatsächlich, mit viel weniger Aufwand ein Maximum an Erfolg zu erreichen. Das wird dann für mich tatsächlich ein Lifestyle – was allerdings nur als Selbständiger möglich ist. Deshalb wollte ich auch immer selbständig sein um meine Träume zu realisieren. Und jetzt bin ich wirklich glücklich damit. Ich kann mir kaum etwas Besseres vorstellen.

Wenn jemand mit Mobile anfangen will als Selbständiger, welche Tipps könntest du geben?

Mach was du machst mit Liebe, mach es mit dem Herzen. Du musst es gern machen, weil dann machst du automatisch mehr. Wenn man das Fieber dafür hat, dann springt auch der Funke über. Letztendlich ist alles auch Verkaufen. Lebe begeistert und gewinne, das ist eine alte Geschichte.
Und wenn man merkt dass man an einen Punkt kommt wo es nicht mehr so gut geht sollte man nicht gleich aufgeben sondern immer noch ein bisschen mehr versuchen. Aber vielleicht auch sagen: pass auf, vielleicht ist es das doch nicht. Dann schalt mal komplett ab, mach Leere in deinem Kopf und sei offen für alles. Und dann kommt vielleicht wieder etwas anderes und das läuft dann geschmeidig. Dann kommt auch der Spass wieder. Das ist wie ein Kreislauf.

Wie war es als du noch angestellt warst – wie hast du innerlich den Sprung in die Selbständigkeit geschafft? Kannst Du dazu Tipps geben?

Wenn jemand selbständig sein will, trägt er den Gedanken schon immer in sich. Aber man weiß häufig nicht aus dem täglichen Leben auszubrechen. Man hat kaum Zeit sich richtig darauf vorzubereiten. Man weiß nur: ich will mehr Geld haben, und meine Zeit selbst einteilen können.
Man braucht eine gewisse Risikobereitschaft. Man verliert dadurch natürlich gewisse Sicherheiten, andererseits kann man in meinem Bereich auch viel nebenbei machen. So habe ich persönlich auch begonnen – während der Arbeit und am Abend immer wieder auch meine eigenen Ideen entwickelt und Tests gemacht.
Man muss einfach loslegen und nicht zu viel denken. Viele Leute verlaufen sich und denken nur. Das beste aber ist einfach nur anzufangen. Du willst programmieren? Super! Hol dir einen Laptop, schau was es an Möglichkeiten gibt, leg los. Es gibt z.B. eine Plattform für mobile Applikationen namens Corona – mit der kann man sehr einfach beginnen. Und das gilt auch für andere Bereiche.
Beginn mit Babyschritten. Dann kommt Erfahrung und Selbstbewusstsein dazu, und dann kommen die nächsten Schritte wie von selbst. Man sagt: “Wenn du ein Meister sein willst, musst du 10.000 Stunden arbeiten”. Da ist schon was dran. Man muss arbeiten, aber dann kommt auch der Erfolg. Man wird nie schlechter, immer nur besser.
Und man sollte nicht aufgeben. Du hast ein Ziel? Schreib dir deine Ziele auf, träum auch mal, das ist ganz wichtig. Aber verlier dich auch nicht, sondern versuch es umzusetzen. Lies was, Bücher sind gut, mach einen Kurs, und fang an.

Du hast sehr früh angefangen mit Deiner App. Mittlerweile ist die Branche sehr dicht besetzt, und viele Ideen sind bereits realisiert. Glaubst du, dass deine Erfolgsgeschichte als Ein-Mann-Show auch heute noch möglich wäre?

Mit Sicherheit ist Facebook und alles was es da schon gibt nicht das Ende der Fahnenstange. Es kommen immer neue Ideen und Apps nach. Man muss flexibel sein.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Wir wollen privat noch Reisen machen, ein Haus finden. Beruflich will ich gern erweitern, vielleicht auch etwas Neues finden. Wollte immer gerne einen “Träumerstammtisch” ins Leben rufen, wo Leute mit unterschiedlichen Ideen zusammen kommen können. Ich bin offen für alle Ideen.

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